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Der Autismus unseres Sohnes ist für mich vielschichtig und oft genug noch undurchsichtig. Als er noch Säugling und Kleinkind war und wir von der Diagnose nur eine Vorahnung hatten, war er schon sehr auffällig im Verhalten: Er hat nicht selten bis zu 8 Stunden am Tag geschrien, ist Nachts bis zu 6 mal schreiend aufgewacht, ließ sich immer schwer wieder beruhigen. Die Nahrungsaufnahme gestaltete sich anfangs so schwierig, dass der Kinderarzt von künstlicher Ernährung sprach. Er war eigentlich immer zu müde zum Trinken und zu hungrig zum Schlafen. Ein zermürbender Zustand für alle, aber mit viel Geduld (und Tränen…) haben wir die Situation gemeistert. Heute ist sein Speiseplan verhältnismäßig abwechslungsreich. Und bisweilen hat er Vorlieben für Spezielles, wie zum Beispiel Backhefe.

Der Autismus meines Sohnes zeigt sich bei ihm in allen Entwicklungsebenen: Erst nach dem zweiten Geburtstag konnten wir mit fester Nahrung beginnen und nahezu gleichzeitig fing unser Sohn mit 26 Monaten endlich an zu laufen. Kurzzeitig dachten wir, dass er zu sprechen beginnt, aber dann verstummte er wieder. Schreien war weiterhin seine Kommunikationsform. Nach und nach fing er an in Echolalien zu sprechen. Wiederholt anfangs die letzten Silben von Gesagtem, dann das letzte Wort. Irgendwann ganze Sätze. Und im nächsten Schritt wendete er diese ganzen Sätze auch im richtigen Kontext an. Nur waren es nicht seine Sätze. Sondern von seinen Geschwistern, den Eltern, “Peppa Wutz” oder “Leo Lausemaus”. Echte Kommunikation mit ihm war erst mit gut 4 Jahren möglich – bis heute noch sehr oft in der dritten Person. Und dann auch nur in Momenten, in denen man ihn erreicht. Bis heute, mit 6 Jahren, verfällt er in Ein-Wort-Sätze, wenn mehr Kommunikation nicht möglich ist. Und das mittlerweile seltenere Schreien kommt wieder, wenn sonst gar nichts mehr geht. Das sind Situationen in denen er gestresst, aufgeregt, müde oder hungrig ist.

Der Autismus unseres Sohnes ist oft wie ein Rätselbuch ohne Lösungsheft. Er erlernt Dinge und zeigt sie dann nie wieder. Hat er sie verlernt? Oder an einem sicheren Ort im Kopf gespeichert für den Moment in dem er sich sicherer fühlt, um sie wieder abzurufen?
So hat er mit 5 Jahren im Urlaub Fahrradfahren gelernt – es danach nur noch einmal getan auf Drängen der Geschwister. Ist es für ihn vielleicht nur eine Urlaubsbeschäftigung? Oder war die kleine Radtour Zuhause für ihn so stressig, dass er sich dem jetzt doch ganz entziehen möchte? Wir werden es vielleicht irgendwann erfahren. Wenn wir ihn fragen, bekommen wir keine Antwort oder “Weil ich das nicht möchte.”

Der Autismus unseres Sohnes hat mich gelehrt, dass man als Mutter neu anfangen muss – auch, wenn man die Erfahrungen von drei älteren Geschwistern mitbringt. Fast nichts ist so, wie es bei den anderen war. Und beim Thema Erziehung fühle ich mich beim letzten Kind oft, als wäre es mein erstes. Und das ist dann auch für die neurotypischen Geschwister manchmal schwer zu verstehen, trotz meiner Erklärungsversuche.

Der Autismus unseres Sohnes zeigt mir täglich aufs Neue, wie eingeschränkt mein Blick auf die Dinge ist und wieviele Besonderheiten im Alltäglichen zu finden sind, wenn ich mich für seinen Blick öffne. Und nicht selten stelle ich fest, wie viele Menschen dazu erst gar nicht bereit oder nicht in der Lage sind.